Der Zug der nicht fährt – Gedanken von Sabrina Fox – und mir

Der Zug der nicht fährt – Gedanken von Sabrina Fox – und mir

mit KinderAugen -- copyright by- Hildegard-sichtbarYOga

Ich kaufe mir keine LernBücher mehr, rund um Yoga, rund um Leben, rund um Spiritualität. Ich habe VIELE. Die allermeisten auch gelesen Erstauntes Smiley)  Spüre-  in der Essenz geht es immer um EINS. Echt zu sein. Meine innerste Kraft, wie auch immer ich sie nenne, LEBEN. Mein Licht leuchten zu lassen. Authentisch zu sein ist nicht immer einfach. Denn da gibt es viele Hildegards die Teile sichtbar werden lassen.  Alle Zusammen – bin das ich? In den letzten Monaten – immer wieder auch die Frage – was will ich denn wirklich? Auch – WER  bin ich – in meiner LebensAufgabe? Da schreien viele Stimmen.

Da ist Frau – sinnlich, weiblich, attraktiv (wie meine Ärztin meinte).

Die Kämpferin – die SCHÜTZEN muss.

Die Frau die ihren MANN steht.

Die Freundin die DA ist.

Die Lehrerin die Leben lehrt.

Die Yogini die den uralten Weg geht.

Die Tochter, Tante, Schwester, Schwiegermutter.

Die LebensTänzerin die so gerne LebensLust ist.

Die Erschöpfte die sich mal wieder leer gelebt hat.

Die Neugierige auf das  Geheimnis des Lebens.

Die Klare- die weiß was sie will und was definitiv nicht.

Und auch die FrageZeichen Frau - die eben gar nichts weiß, bzw. alles in Frage stellt.

Die vertrauende, hoffende, glaubende.

Die DauerZweifelnde.

Die WorteSpielerin.

Die SchreibeFrau.

Die VollBlutFrau.

Die anspruchsvoll Fordernde.

Die annehmend Gleichmütige.


Und dann klicke ich – “völlig zufällig” – auf die blog Seite von Sabrina Fox. Münchnerin – ich liebe diesen bayerischen  Akzent. Nun – verschiedene Bücher hat sie geschrieben – doch ich will ja keine mehr. Klicke auf blog Einträge – und – lese  - erkenne viele MEINER Themen darin.

….Anzeichen spiritueller  ERSCHÖPFUNG ....

… schreiben hilft, sagt man…. - wow- und lese mich rein, erlese mich darin.

Es ist dies STILLSTEHEN – und es aushalten. Es ist das erkennen, ich werde anders und stecke mittendrin.
Es ist das erkennen – all das was seither HALF punktet nicht, wirkt nicht, bringt nichts, PASST EINFACH NICHT.

Sabrina Fox:

"Schreiben hilft, sagt man. Oder sage ich. Oft genug habe ich das gesagt. Und es hat immer geholfen. Wenn man schreibt, dann löst sich das, was stockt, was an einem klebt und manchmal so zäh und hartnäckig wie Kaugummi ist.

Mit den Engeln kommunizieren hilft. Sagt man. Oder sage ich. Oft genug habe ich das gesagt. Und es hilft auch. Aber manchmal sind unsere Engel still. Das ist die Zeit, in der wir das, was wir gelernt haben, auch umsetzten müssen.

Beten hilft, sagt man. Oder sage ich. Oft genug habe ich das gesagt. Und es hat oft geholfen. Doch manchmal ist ein Gebet keine Danksagung. Manchmal bewegt sich das Gebet auf einer Welle der Frustration.

Ich hatte mich mit einem alten Freund zum Mittagessen verabredet. Wir sehen uns nicht oft. Vielleicht einmal im Jahr. Obwohl wir in der gleichen Stadt wohnen und seit über dreißig Jahren unser Leben begleiten. Ich war am Anfang unseres Kennenlernens mal sehr verliebt in ihn und er in mich. Ganz kurz eigentlich. Vielleicht ein paar Monate. Und doch ist diese Fürsorge geblieben. Wir erzählten uns von unserem Leben so, wie wir es immer tun: Offen. Warmherzig. Ehrlich.

Ich weinte ein paar Mal, obwohl es „eigentlich“ nichts zu weinen gibt. Ich bin frustriert mit mir, erzähle ich ihm. „Ich bekomme schon seit über einem Jahr nichts mehr wirklich hin. Mein Roman klemmt. Die Produktion einer meiner Skulpturen kommt nicht voran. Eine Dokumentation, die ich gedreht habe, kommt über die ersten fünf Minuten Schnitt nicht hinaus. Ich erkenne mich kaum wieder. Die alte Sabrina hätte das alles schon längst erledigt.“

Er schaut mich nachdenklich an und meinte dann: „Die alte Sabrina gibt es nicht mehr. Jetzt gibt es die neue. Und die macht es anders.“

Die neue Sabrina.
Will ich sie? Gefällt sie mir?

Nein. Sie gefällt mir nicht.

Mein Körper und ich, wir sind gut befreundet. Er spricht mit mir und ich höre ihm zu. Meistens. Seit ein paar Wochen verletze ich mich. Linker Mittelfinger schmerzt. Rechter Daumen beim Schnitzen überanstrengt. Sehnenscheide am linken Knöchel gereizt. Jetzt bin ich die Treppe heruntergefallen, gerade als ich mir nach der Meditation ein energisches: „Jetzt ist es genug! Reiss dich zusammen!“ verordnet hatte. Die Sehne am rechten Sprunggelenk ist angerissen. Ich lachte auf, als mir klar wurde, dass nun sämtliche Gliedmaßen verletzt waren. „Danke, dass sie nur angerissen sind“, sagte ich meinem Körper. Ich bin sicher, er hofft, dass ich seine Nachricht endlich kapiert habe: „Mache langsam! Höre auf, dir selbst Druck zu machen!“

Und er schickte mir das dringende Gefühl, dass ich mein Blut untersuchen lassen sollte. Ich spürte, mir fehlt etwas. Ich habe meine Lebenslust verloren und das schon seit einer Weile. Mein Körper schickt mich in die Ruhe, doch mein Geist rebelliert. Ich kenne Lebensschwankungen. Das Rauf und das Runter. Seitdem ich meditiere – seit über zwanzig Jahren – gehe ich damit viel bewusster um. Und doch erspüre ich, dass mein Gemütszustand schwerer wird.

Barfuß gehen hilft, sagt man. Oder sage ich. Oft genug habe ich das gesagt. Ich ziehe meine Schuhe aus und spüre die Sanftheit und Kraft von Mutter Erde. Es gibt Zeiten in denen ich den Schmerz der Welt besonders stark spüre. Syrien. Flüchtlinge. Fukushima. Ozeanverseuchung. Die Gier der Finanzwelt. Tierfabriken.

Das Wissen, das dies von uns verändert wird, hat sich in den Hintergrund gedrängt und der Schmerz darüber hat überhand genommen. Ich fühlte mich hilflos. Schlapp. Das was ich tue, erscheint mir viel zu wenig. Veränderungen dauern. Das weiß ich natürlich. Ein Kind braucht neun Monate im Mutterleib. Haare wachsen pro Monat einen Zentimeter. Da nehme ich es hin. Und doch geht mir vieles nicht schnell genug. Aufmerksam beobachte ich die Frustration. Die Schwere. Den Schmerz. Ab und zu versinke ich darin. Dann komme ich wieder nach oben und hole Luft.

Vor Jahren habe ich mir einen Beobachter angewöhnt. Ich, Sabrina, diejenige, die hier eine menschliche Erfahrung macht, hat einen Beobachter. Der aufpasst, damit ich mich nicht in meiner Persönlichkeit verliere, sondern immer in dem Bewusstsein bleibe, auch unendliche Seele zu sein. Dieser Beobachter – ich als Seele – merkt, dass ich mit dem JETZT hadere. Ich akzeptiere es zur Zeit eher grummelig. Auf keinen Fall begeistert. Ist es ein Zeichen spiritueller Weisheit, JEDES Jetzt gänzlich ohne Knurren zu akzeptieren? Wenn ja, dann habe ich sie nicht.

Eigentlich ein perfektes Beispiel zwischen Ego und Seele. Mein Ego, meine Persönlichkeit ist davon genervt. Meine Seele weiß, dass dies ein vorübergehender Zustand ist. Selbst mein Ego weiß mittlerweile, das dies ein vorübergehender Zustand ist. Ich wäre nur schon gerne in dem anderen Zustand: Dem, der danach kommt. Genauer genommen wäre mein Ego, meine Persönlichkeit gerne in dem anderen Zustand. Ich, als unendliche Seele, nehme den Zustand zur Kenntnis und bin einig damit. Mir, als Sabrina, gelingt das nur in wenigen Momenten.

Jeder von uns hat gelegentlich Herausforderungen mit dem JETZT. Manche mehr, manche weniger. Wir machen nun mal eine menschliche Erfahrung und wenn wir sie nicht alle auch wirklich machen würden, wo wäre dann unser Mitgefühl? Wenn wir – die wir uns spirituell beschäftigen – alles immer „richtig“ machen würden, wo wäre denn dann unser offenes Herz?

Meditieren hilft, sagt man. Oder sage ich. Oft genug habe ich das gesagt. Und doch gibt es Zeiten, in denen ich nicht reinkomme. In der die Stille, die ich so gut kenne und liebe, sich mir verschließt, wie die Tür zu einem Garten. Dann bleibe ich vor der Tür liegen. Lehne mich an sie. Spüre die Stabilität an meinem Rücken. Ich weiß, sie wird wieder aufgehen. Warum ist sie jetzt zu? Jeder der meditiert, regelmäßig meditiert, kennt das. Es ist wie bei Schriftstellern, die auch nicht jeden Tag schreiben können oder Malern, die vor der leeren Leinwand sitzen. Manchmal bewegt sich nichts. Manchmal muss man es aussitzen. Es gibt viele kluge Antworten von vielen weisen Menschen und doch … sie nützen nichts. Die Antworten meine ich. Die Tür zum Garten der Stille, zum Garten der Unendlichkeit bleibt trotzdem einfach zu.

2013 war ein Jahr großer Veränderungen. Sämtliche Freundinnen gingen und gehen durch gravierende Veränderungen. Auch einige meiner männlichen Freude beutelt es ziemlich durch. Mag es daran liegen, dass wir mehr oder weniger alle im Wechseljahr-Alter sind? Sie heißen Wechseljahre nicht ohne Grund: Unsere Familie, unsere Karriere, der Aufbau unseres erwachsenen Lebens hat viel Zeit beansprucht. Wir haben viel erschaffen und jetzt geht beginnt der zweite Teil des Lebens. Der Teil, der auf einen reichen Erfahrungsschatz blicken kann. Der Teil, der vieles schon gemacht hat und deshalb eine Neuausrichtung sucht.

Viele von uns – wie ich auch – sind schon durch. Ich war mit meinen Wechseljahren ganz einig. Ich habe weder bio-identische Hormone genommen, noch besonders unter dieser Zeit gelitten. Ich hatte zwar schlechter geschlafen, aber mir war endlich nicht mehr kalt. Das alleine war schon die ganze Aufregung wert. Ich liebte meine Hitzewallungen.

Und doch bin ich jetzt – nachdem alles vorbei war – in ein hormonelles Loch gefallen. Daneben fehlen mir unter anderem Zink, Magnesium, Vitamin D. Jetzt liege ich jeden Tag für fünf Minuten auf der Sonnenbank, ärztlich verordnet, um meinen Vitamin D Mangel wieder aufzufüllen und schaufle eine Handvoll von Vitaminen und Spurenelemente in mich hinein. Ich spüre, wie ich mich langsam besser fühle. Neben den weiblichen Hormonen ist auch das männliche Testosteron nicht mehr vorhanden. Das Hormon, das uns Schwung gibt. Schwung habe ich keinen mehr.

Das stimmt nicht ganz. Ich habe Stunden-Schwünge. Ab und zu erkenne ich die alte Sabrina wieder. Wenn es etwas zu organisieren gibt; wenn Muttergefühle gefordert sind; wenn Pläne gemacht werden müssen. Da ist sie wieder da. Die, die ich kenne. Die, die mir vertraut ist. Die, auf die ich mich verlassen kann.

Auf die neue Sabrina kann ich mich nicht verlassen. Ich kenne sie kaum. Sie macht Sachen, die ich nie machen würde. Sie produziert zu wenige Resultate; zu wenige Ergebnisse. Geschweige denn eine Zukunftsvision. Die alte Sabrina wusste, wo es lang geht. Sie wusste, wie man Sachen erreichen kann und auch erledigt. Sie hatte Pep. Sie hatte Schwung. Sie hatte Ziele, verdammt noch mal!

Warten hilft, sagt man. Oder sage ich. „Lieber Gott, gib mir Geduld, aber bitte sofort.“ Ich schmunzele immer, wenn ich das sage oder höre, denn ich fühle mich ertappt. Ja. Das bin ich. Grenzenlos geduldig und grenzenlos ungeduldig. So etwas geht. Nicht gleichzeitig. Aber es geht.

Ein spirituelles Leben enthält den Wunsch GANZ zu sein. Und in diesem Ganzen hat alles seinen Platz. Selbst Hormonschwankungen. Da hilft alles beten nichts. Es schleudert uns genauso durcheinander wie die anderen, die nicht beten, die nicht meditieren. Hier finden wir uns wieder zurückgeworfen auf den Platz von dem wir mal vor Jahren abgesprungen sind: Unserem spirituellen Anfang. Hier müssen wir zugeben – ungern zugeben, manche von uns weigern sich auch es überhaupt zuzugeben – dass auch wir Herausforderungen haben. Ganz profane. Ganz banale. Ganz hormonelle.
Natürlich weiß ich, dass ein wahrhaftiges spirituelles Leben kein flaches Leben ist. Keines ohne Gefühle. Erst vor kurzem traf ich eine Frau, die alles unterdrückte und glaubte spirituell zu sein. Sie ließ einfach nur nichts mehr an sich heran. Sie war wie eine mit Teflon beschichtete Pfanne.

Im Ganzen darf alles sein. Doch das Ganze ist nicht nur hell. Das Ganze, Eins-Sein, also ALLES sein, ist nicht nur angenehmes Wohlbefinden. ALLES ist eben … ALLES. Und damit auch ALLES zugelassen werden kann, ALLES gesehen werden kann, ALLES akzeptiert werden kann, unterdrücken wir es auch nicht. Wir erkennen das Licht und den Schatten. Das Begeisterte, wie das Frustrierte. Das Leben kommt in Wellen. Es ist heiß und manchmal kalt. Es ist bewegt und manchmal ruhig. Es ist voller Visionen und manchmal gänzlich ohne. Und das alles gilt es anzunehmen. Worin liegt also unser Wachstum? Daran, dass wir diesen Zustand zulassen, ohne dass wir mit unseren Stimmungen automatisch und unreflektiert unsere Mitmenschen zumüllen.

„Ich bin gerade nicht in Höchstform. Ich erkenne mich kaum wieder. Bitte verzeih mir meine Stimmungsschwankungen. Ich brauche Unterstützung. Ich danke dir.“

Wir teilen uns mit. Wir erlauben uns Hilfe anzunehmen. Umarmungen. Unterstützung. Nähe. Wärme. Wir müssen nicht mehr perfekt sein. Aber die Idee des Perfektionismus hat uns auch gefallen. Wir haben damit geflirtet oder sind ihm nachgelaufen. War nicht der Wunsch nach Erleuchtung der Wunsch nach Perfektion? Das macht das JETZT nicht einfacher. Wenn wir im Jetzt nicht perfekt sind, wie kann man es dann lieben? So ist es ganz entlastend mal unsere eigenen Ansprüche herunterzuschrauben. Aber auch nicht leicht. Wo ist das Om, wenn man es braucht?

Ich singe zu wenig. Meinem Liebsten ist das schon vor einer Weile aufgefallen. Mein Wohlbefinden ist für ihn an meinem Gesang abzulesen. Singe ich morgens im Bad, später beim Rausgehen in der Eingangshalle unseres alten Mietshauses, singe ich auf dem Fahrrad, dann geht es mir gut.

Singen hilft, sagt man. Oder sage ich. Singen hat mir auch heute geholfen. Vielleicht gewöhne ich mich ja an die neue Sabrina, wenn ich sie besser kennenlerne. Singen kann sie wenigstens noch."

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lese, lese, lese und höre sie in verschiedenen kleineren und auch größeren Klipps auf Youtube.

So, nun hab ich doch ein Buch bestellt – ein Buch von Sabrina Fox. Ihr werdet ja spüren welches. Hautnah. Sinnlich.

Der Zug der nicht abfährt -    Sabrina Fox:

"Dies ist kein Artikel, der einen Anfang, eine Mitte und ein gut überlegtes Ende hat. Es gibt keinen Rat. Kein Resümee. Dies ist eine Geschichte ohne Ende. Das liegt daran, dass ich mit meinem Lernen darüber noch nicht fertig bin. Ich komme mir zur Zeit vor, als würde ich in einem Zug sitzen, der nicht abfährt. Wenn ich durch das Fenster auf den Bahnhof schaue, dann sehe ich wie jeder weiß, wo er hin will; zielbewusst, mit Gepäck, mit einem Plan, mit einer Fahrkarte an mir vorbei läuft.
Doch ich, ich sitze im Zug. In einem Zug, der sich immer noch nicht bewegt. Der immer noch kein Ziel hat. Ein paar Mal bin ich ausgestiegen, um zu sehen, ob ich denn überhaupt im richtigen Zug sitze. Doch da steht, eindeutig: Sabrina Fox. Fahrplan: Seele. Zeit: Jetzt.

Dann gehe ich zurück in meinen Zug. Manchmal Zähne knirschend, manchmal lachend, manchmal genervt. Aber immer ein wenig neidisch, wenn ich die Anderen anschaue, die weiterhin an mir vorbeiziehen. Sie wissen, wo sie hinfahren. Sie kennen ihr Ziel. Sie sind auf dem Weg. Ich dagegen kenne mein Ziel nicht und so betrachte ich ungeduldig die Züge, die neben mir ankommen und wieder abfahren. Nur meiner, so scheint es, bewegt sich nicht.

Ein, zwei Mal bin ich in den letzten Monaten kurz ausgestiegen und mir ging es sofort besser. Ich wusste genau was zu tun war: Irgendein Projekt nehmen, eines, das ein Ziel hat oder einfach da weitermachen, wo ich vor ein paar Monaten aufgehört hatte. Einfach weiterhin Vorträge halten. Einfach wieder Ja zu Angeboten sagen. Doch dieser verdammte Zug will kein Ja mehr hören.
Meine Seele wollte, dass er steht und weil ich mich vor Jahren meinem inneren Wachstum verpflichtet habe, musste ich ihn anhalten. Und da steht er nun, mit 54 Jahren und bewegt sich nicht.

Schieben hilft nichts, das habe ich probiert. Weglaufen bringt auch nichts, dazu weiß ich zu viel. Ich weiß sämtliche Erklärungen auswendig. Schließlich habe ich sie oft genug gelehrt. Oft genug erklärt. Oft genug mir selbst vorgebetet. Das ist auch nicht meine erste Erfahrung darin. Aber die Intensivste. Ich hatte mich bisher nicht so komplett darauf eingelassen, im Jetzt zu sein. Was aber, wenn das Jetzt mich eines Zieles beraubt? Was, wenn nie wieder eines kommt? Was, wenn ich meine Begeisterung für das Leben verloren habe? Wenn ich mich auf die Stille in meinem Zug einlasse, dann spüre ich die beiden Frauen, die mit mir reisen. Zwei Frauen, die ich erst vor ein paar Monaten wahrgenommen habe. Eine ist meine Vorfahrin. Meine Ahnin. Sie zeigt sich mir nur mit ihrem Kind unter dem Arm, dass sie nach vorne schleudert, weil sie es besser haben soll. Sie ist damals, als Erste, als Ursprung meiner menschlichen DNA, aus einer Höhle gekrochen und wollte raus. Sie hat mir ihren Vorwärtsdrang vermacht. Sie ist es, die mich schubst, die keine Ruhe gibt, bis ich weiter mache. Ich bin ihr dankbar, denn ohne sie wäre ich nicht aus der Enge meines Elternhauses gekommen. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, weiter vorauszugehen, Grenzen zu überwinden und doch ist es auch mühsam mit ihr. Sie drängt eben nicht manchmal – nur dann, wenn es notwendig und wichtig ist – sondern sie drängt IMMER. Sie will, dass ich weiter vorwärts gehe. Sie kennt keine Pausen. Sie kennt kein Innehalten. Innehalten ist für sie das Ende. Ich erspüre sie als jemanden, der nie mit dem jetzigen Moment zufrieden sein kann. Sie denkt immer an morgen. Immer an das Nächste. Weiter! Komm! Mach! Ihre Forderungen kommen mit Ausrufezeichen und in diesem Zug, der nicht abfährt, wird sie verrückt.

Gott sei Dank sitzt noch jemand anderer in diesem Zug: Eine alte, weise Frau. Sie sieht mir ähnlich, denn sie ist – wie meine Vorfahrin – ich. Sie ist ich, am Ende dieses Lebens. Die hat die Erfahrungen schon gemacht, die mir noch bevorstehen. Sie hat viel erlebt, in dem zweiten Teil meines Lebens. Sei hat liebste Mitmenschen verabschiedet, manche hat sie auf dem Weg nach Hause betreut, manche sind in ihren ihrem Armen gestorben, und mit jedem Abschied starb auch eine Erinnerung. Sie hat Abschiednehmen gelernt und einiges andere. SIE hat gelernt im Jetzt zu leben. Sie schmunzelt, wenn sie sieht, wie ich darauf warte, dass wir abfahren. Sie hat es nicht eilig. Sie weiß, wo wir landen werden. Hier bei ihr. In dieser wunderbaren Innigkeit. Und ich weiß es auch. Und doch, ich – im meinem Jetzt – habe so meine Schwierigkeiten mich auf ihre Ruhe in meinem Zug einlassen. Sie sitzt, mit einem Bein angewinkelt, mir meistens gegenüber.Manchmal sitze ich auch in ihr. Dann spüre ich sie. Spüre ihre Leichtigkeit. Ihre Weisheit. Und wenn ich mich mit ihr ganz verbunden habe – wir uns ineinander auflösen, wenn Zeit und Raum nicht mehr existieren – wenn alles in mir langsamer wird, dann empfinde ich ihre Glückseligkeit. Und dann wundere ich mich, warum ich mich denn in diesem heutigen Moment so verwirren lasse. Immerhin sitze ich in einem Zug. Es regnet nicht herein. Mir ist nicht kalt. Er ist bequem. Ich bin in Gesellschaft und fühle mich mit beiden Frauen so inniglich vertraut: Die eine, die drängt und die andere, die entspannt lebt und beide gilt es zu verbinden: Die Weisheit der Einen mit der Kraft der Anderen.

Ich habe mir eine Kette machen lassen: Auf der einen Seite ein Bild von mir als Vorfahrin, auf der anderen eines als alte, weise Frau. Das trage ich um den Hals, um mich daran zu erinnern, beides zu verbinden. Es gelingt mir nicht wirklich. Ich bin auf der Suche nach irgendetwas, das diesen Zug zum fahren bewegt. Vielleicht eine Übung? Ein Ritual? Eine Hausaufgabe? Eine davon war folgende:
„Mache eine Liste und schreibe alles auf, was dich vielleicht interessieren würde, was du vielleicht machen möchtest, was dir vielleicht Spaß machen würde. Betrachte das von der Ego-Seite, von der Persönlichkeit aus. Lass dir Zeit damit. Lese dir die Liste in Ruhe durch und streiche aus, was du bei näherer Betrachtung doch nicht machen
möchtest.“

Das erste, was auf dieser Liste stand, war ein Kind zu adoptieren. Das war ein Wunsch, den ich früher einmal hatte und der nicht erfüllt wurde, weil mein damaliger Partner das nicht wollte. Mein Jetziger umarmte mich und meinte, dass ich seine erwachsenen Kinder doch schon adoptiert hätte. Ich strich es durch. Meine Liste war lang. Die Hälfte davon habe ich
durchgestrichten. Die andere Hälfte ist noch da. Beim Durchstreichen passiert folgendes: Wir informieren unser Feld, also unsere Aura darüber, dass sich bestimmte Dinge erledigt haben. Vielleicht haben wir uns vor Jahren überlegt, Kinder zu adoptieren? Vielleicht wollten wir ein Seminarhaus aufmachen? Vielleicht auswandern? Doch unser Leben hat sich anders entwickelt und diese „man-müsste-doch-Gedanken“ halten uns noch fest. Immer wieder stelle ich fest, dass ich nicht die Einzige bin, die sich überlegt, was wir mit dem Rest unseres Lebens anstellen wollen. Da gibt es noch die Kommune, die irgendwann einmal gegründet werden will. Ein gemeinsames Dorf, eine Vision, ein Miteinander, in der auch die Stille, die Individualität, das Wohlfühlen, das Reisen gelebt sein darf. In der die Kunst, der Austausch, der Spaß, die Weite eine Rolle spielen dürfen. Ist das jetzt die Zeit dafür, frage ich mich, in meinem Zug, der sich nicht bewegt? Heute las ich von verlassenen Immobilienprojekten – Ferienhäuser für dreißig, vierzig, fünfzig Familien, die nicht fertig gebaut in Spanien stehen – ist das ein Zeichen? Will ich nach Spanien? Ich lese weiter und spüre keine Begeisterung. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt dafür. Das sind Visionen für später und so lehne ich mich wieder seufzend wieder zurück, in die Polster in meinem Zug.

In meiner gestrigen Meditation sass mir Zarathustra, ein Meister-Engel, vor meinem inneren Auge gegenüber. Die meisten meiner Meditationen sind in Stille. Manchmal sehe ich mich mit meinen Lehrern. Wie üblich war ein Feuer zwischen uns und über uns ein weiter Himmel. Ich spüre seinen Blick auf mir ruhen und plötzlich steht er auf und nimmt meine Hand. Ich war überrascht. Seit zwanzig Jahren sitzen wir uns gegenüber und er ist noch nie aufgestanden. Wir gehen gemeinsame ein paar Schritte und dann bemerke ich, dass es keinen Boden mehr unter uns gibt. Wir fliegen, als wenn wir gehen würden. Ich war erstaunt darüber und fragte Zarathustra:
„Wo fliegen wir denn hin?“
„Wir fliegen! Reicht dir das nicht?“ antwortete er."

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